Sprache und Gedanken – Language and thoughts

[english summary below]

“Das Unnennbare wächst und gedeiht und bleibt ungesagt. Hier und da zeigt sich sein Schatten im Schweigen.”

Ernst von Glasersfeld (Wege des Wissens. Konstruktivistische Erkundungen durch unser Denken)

Welchen Einfluss haben unsere Sprachgewohnheiten auf die Art, wie wir über die Welt denken? Es kommt mir so vor, also ob ein großer Teil der Aktivitäten in unseren Lebenswirklichkeiten mit Hilfe von Kommunikation wahrgenommen wird. Die Frage, inwieweit Gedanken und Sprache einander beeinflussen, liegt in diesem Zusammenhang nahe und Benjamin Whorf ist dieser Thematik in seinem Buch “Sprache – Denken – Wirklichkeit” nachgegangen.

Da wir als Kinder in unsere Muttersprache(n) hineinwachsen und uns oft nicht mehr an diese Jahre erinnern können, haben wir meistens eine “naive, aber tief eingewurzelte” Idee von der Art, wie wir sprechen und denken. Whorf beschreibt: Da die Sprache eng mit dem Denken verknüpft ist und sich daraus eine gewisse Automatik entwickelt hat, entsteht daraus oft eine Intoleranz – gerade weil man die sprachlichen und gedanklichen Vorgänge dann nur noch schwer voneinander trennen kann. Da Sprache innerhalb einer Gruppe von Menschen geteilt wird, bleiben Eindrücke und Gedanken nicht mehr subjektiv, sondern es entsteht schnell der Eindruck, es würden dabei untereinander universelle Bedeutungen geteilt werden. Also so, als gäbe es einen “gesunden Menschenverstand”, “Logik” oder “Vernunft” zwischen den Gruppenmitgliedern und überhaupt. Dies muss dann nicht mehr hinterfragt werden und schwingt täglich als Art unsichtbare Grundlage mit. Whorf nutzt für diesen gemeinsamen Sinn den Begriff “System der natürlichen Logik”. Diese natürliche Logik führe dann auch zu dem Eindruck, “Sprechen sei nur ein beiläufiger Vorgang, der ausschließlich mit der Weitergabe, aber nichts mit der Formulierung von Gedanken zu tun habe. Im Sprechen oder beim Gebrauch der Sprache wird angeblich nur ausgedrückt, was im wesentlichen bereits unsprachlich formuliert war”. So gehen viele Menschen beispielsweise auch oft davon aus, dass andere Sprachen genauso wie die eigene funktionieren und sich nur durch grammatische Feinheiten o.ä. voneinander unterscheiden. Sprache gehört scheinbar so automatisch zum Alltag, dass sie wirkt wie andere unsichtbare Regeln, die nebenbei kaum auffallen. Whorf vergleicht dies mit der Wirkung der Schwerkraft – da man sich deren Wirkung auf der Erde nicht entziehen kann, fällt sie erst gar nicht auf und der Gedanke an einen Raum ohne Schwerkraft ist fremd und kaum vorstellbar – erst nach Bildern aus dem Weltraum hat man eine Idee davon. Nur dann wenn diese Regel also nicht mehr zutrifft und eine Ausnahme bekannt wird, wird man überhaupt erst aufmerksam auf die Regel an sich.

 Durch Vergleichen von Sprachen oder intensiven Reflektieren unserer Sprachgewohnheiten kann man also versuchen, das “System der natürlichen Logik” in unserer Sprachgemeinschaft zu durchleuchten. Whorf will so zunächst überhaupt aufdecken, “dass die Sprachphänomene für den Sprechenden weithin einen Hintergrundcharakter haben und mithin außerhalb seines kritischen Bewusstseins und seiner Kontrolle bleiben”. Stellt ein Mensch also Behauptungen bis hin zu harmlosen, beiläufigen Aussagen über “Vernunft, Logik und die Gesetze richtigen Denkens” auf, ist ihm dabei oft gar nicht bewusst, dass er sich innerhalb seiner Sprachgruppe und deren Systematiken bewegt. Die geäußerten Annahmen sind aber für andere Sprachgruppen eventuell ziemlich unrelevant oder unpassend und bilden möglicherweise gar nicht ein universelles Vernunfts-/ Urteilsmodell. Zudem beschreibt Whorf, dass oft nur das Ergebnis eines kommunikativen Austauschs im Fokus steht, während der (eigentlich hochkomplizierte) Prozess der zwischenmenschlichen Sprache scheinbar automatisch zu verlaufen scheint und im Nachhinein schwer rekonstruiert werden kann. Bei Whorf wird also deutlich, dass, obwohl man eine Sprache verinnerlicht hat und fließend sprechen kann, man trotzdem oft keine konkreten Vorstellungen von den “Hintergrundphänomene[n]” einer Sprache hat, ihres “systematischen Funktionierens und ihrer Struktur”. Dabei könnte es, gerade für komplizierte Bereiche in der Kommunikation, sehr hilfreich sein und Verständnis sogar fördern, diese Mechanismen ein wenig besser zu kennen.

 Whorf beschäftigt sich des Weiteren mit der Frage, inwieweit das Sprachsystem Gedanken ausdrücken kann und umgekehrt. Und inwieweit dieses Sprachsystem die Gedanken zuvor schon geprägt hat, also als Form für mögliche Gedanken überhaupt erst wirkt, darüber hinaus vielleicht sogar die Analysemöglichkeiten der Gedanken beschränkt und Vorstellungsmöglichkeiten im Vorhinein prägt. So behauptet Whorf, dass die Muttersprache unsere Wahrnehmungen gliedert und “Kategorien und Typen” vorgibt, mit denen wir diese sortieren. Unser Sprachsystem könnte demnach einen großen Einfluss auf die Organisation unserer Gedanken und Wahrnehmungen haben. Whorf nennt dies ein “unaus-gesprochenes […] Abkommen, das für unsere ganze Sprachgemeinschaft gilt”, wobei wir fest daran gebunden sind und gar nicht erst daraus ausbrechen können.

 Alle unsere Beschreibungen von Wahrnehmungen sind demnach vorgeprägt und wir können keine freien, objektiven Aussagen machen. Etwas freier (immer noch innerhalb der Vorgaben unserer Sprachgemeinschaft) könne man möglicherweise werden, wenn man Sprachmechanismen reflektiert, aufdeckt, erneuert und vergleicht oder sich mit anderen Sprachen und Sprachphilosophie beschäftigt.

 Es fällt mir unheimlich schwer beim Sprechen und Denken auf die Meta Ebene zu gehen und die Vorgänge hinter den Sätzen zu reflektieren. Meine Sprache ist einfach viel zu tief in meine Gedankenstrukturen verankert! Dennoch versuche ich es hin und wieder und finde das ganze Thema unheimlich spannend. Vielleicht kommt daher auch meine Faszination für nichtsprachliche Bereiche oder für Gebiete, die man mit Sprache kaum beschreiben kann!? Bei meditativen und spirituellen Erfahrungen fehlen mir oft die Worte um sie zu beschreiben.

 Zusammengefasst aus: Whorf, B. L. (1963): Sprache – Denken – Wirklichkeit. Beiträge zur Metalinguistik und Sprachhilosophie.

[english]

“The unfathomable grows and thrives and remains unsaid, and here and there its shadow is revealed in silence.”

Ernst von Glasersfeld (Paths of Knowledge, Constructivist Explorations Through Our Thinking)

What influence do our language habits have on the way we think about the world? It seems to me, a large part of the activities in our lives are perceived by means of communication. The question as to how far thoughts and language influence each other concerns me a lot, and Benjamin Whorf has pursued this topic in his book “Language, Mind and Reality”.

Since we as children grow into our mother tongue and often do not remember these years, we usually have a “naive but deeply rooted” idea of the way we speak and think. Whorf describes: Since language is closely linked to thinking and a certain automatism has developed from it, this often leads to intolerance – precisely because the linguistic and mental processes are then difficult to separate. Since language is shared within a group of people, impressions and thoughts are no longer subjective. It soon becomes apparent that universal meanings are shared among each other. So, as if there was a “healthy human understanding”, “logic” or “reason” between the group members. This does not have to be questioned any more, and it resonates daily as a kind of invisible foundation. Whorf uses the term “system of natural logic” for this common sense. This natural logic also leads to the impression that “speaking is only a casual process which shares our thoughts but doesn’t formulate them. While speaking and while using language, we only express what was already formulated unspoken.” For example, many people often assume that other languages work just as their own, and that languages can only be differentiated by grammatical subtleties or the like. Language seems to be part of the everyday life, so it seems to work like other invisible rules, which are hardly noticeable. Whorf compares this with the effect of gravitation – since one can not escape its effect on the earth, we keep forgetting about it and the thought of a space without gravity is strange and hardly imaginable – only after pictures from the space has an idea of it. Only when this rule no longer applies and an exception becomes known, one becomes aware of the rule itself.

By comparing languages or intensely reflecting our own language habits, we can therefore try to sift through the “system of natural logic” in our linguistic community. Whorf would thus at first uncover “the fact that speech phenomena have a background character for the speaker, and thus they remain outside his critical consciousness and control.” Thus, if a person makes claims to innocuous, casual statements about “reason, logic, and the laws of right thoughts,” he is often unaware that he moves within his language group and its systematics. However, the assumptions made may be quite irrelevant or inappropriate for other language groups and may not be a universal reasoning/ judgment model. In addition, Whorf states that the focus is often only on the outcome of a communicative exchange, whereas the (actually highly complex) process of interpersonal language seems to be automatic and can be difficult to reconstruct afterwards. He also makes clear that, although a language has been internalized and is spoken fluently, one often has no concrete conceptions of the “background phenomena” of a language, its “systematic functioning and its structure”. To deepen this background knowledge could be very helpful, especially for complicated areas in communication.

Whorf is also concerned with the extent to which the language system can express thoughts and vice versa. And to what extent this language system has already shaped the thoughts before, ie, as a form for possible thoughts in the beginning. Perhaps our language even limits the possibilities of analysis of the ideas and influences the possibilities of imagination in advance. Thus, Whorf claims that the mother tongue breaks down our perceptions and pretends “categories and types” with which we sort them. Our language system could therefore have a great influence on the organization of our thoughts and perceptions. Whorf calls this an “unspoken […] agreement that applies to our entire linguistic community,” which is firmly bound to it and can not break out.

All our descriptions of perceptions are therefore pre-determined and we can not make free, objective statements. A little more freedom (still within the guidelines of our linguistic community) could possibly be achieved by reflecting, revealing, renewing and comparing language mechanisms, or dealing with other languages and linguistic philosophy.

It is very difficult for me to go to the meta level when I am talking and thinking, to reflect the processes behind the sentences. My language is simply too deeply anchored in my thought structures! Still, I try it every now and then and find the whole topic incredibly interesting. From there comes my fascination for non-linguistic areas or for areas that can hardly be described with language. After meditative and spiritual experiences I often lack the words to describe them.

In summary: Whorf, B.L. (1963): Language, Thought and Reality. Contributions to Metalinguistics and Language Philosophy.

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