(Radikaler) Konstruktivismus – (Radical) Constructivism

[english below]

Wie setze ich meine Wahrnehmung zusammen? Diese Frage beschäftigt mich schon seit vielen Jahren. Ich beobachte gerne Menschen und mir fällt dabei manchmal auf, dass eine gemeinsam erlebte Situation von 3 Menschen völlig anders wahrgenommen werden kann. Wie kann das sein? (Radikal) konstruktivistische Philosophie beschäftigt sich mit den Vorgängen und Folgen der menschlichen Erkenntnis und geht dabei davon aus, dass der Mensch die Außenwelt nicht im Kopf passiv und objektiv abbildet, sondern sie konstruiert, was dann eine Eigenleistung wäre – besser beschrieben mit “seine oder eine Außenwelt” (1).

Ich habe vor einiger Zeit Ernst von Glasersfelds “Einführung in den radikalen Konstruktivismus” (erschienen in “Die erfundene Wirklichkeit” von Paul Watzlawick) zusammengefasst:

Glasersfeld legt den Fokus in diesem Beitrag auf die Erkenntnismöglichkeiten des Menschen im Zusammenhang des Konstruktivismus. Menschliche Wahrnehmung und Erkenntnis geschieht meistens nebenbei und automatisch, es kann sogar ziemlich schwer fallen, darauf zu achten, was genau dabei passiert. Letztendlich wissen wir es nicht genau – was ist angeboren, was ist antrainiert und was ist von mir selbst konstruiert? Laut Glasersfeld ist es Ziel des radikalen Konstruktivismus, menschliche Erkenntnisfunktionen immer weiter aufzudecken, in der Hoffnung, es dann mit Hilfe der “Bewusstheit des Operierens […] es anders und vielleicht besser zu machen” (2). “Radikal” ist dieser Konstruktivismus, weil er das Kennen der objektiven Wirklichkeit eines Menschen bezweifelt und deswegen unser ganzes Wissen über die Welt als “Anpassung im funktionalen Sinn” (2) beschreibt, also subjektiv konstruiertes Wissen, mit dem man sich in der Welt zurechtfinden und somit  in ihr funktionieren kann. Dem immer noch weit verbreiteten Bild von Wahrnehmung als Abbildung der Außenwelt im Kopf, stellt Glasersfeld eine Metapher gegenüber: Man kann sich die Außenwelt in seinem Sinne als “Schloss” vorstellen, von dem man keine Vorstellung hat, das man aber mit verschiedenen Schlüsseln oder Einbruchsmethoden aufzuschließen probiert, wenn man versucht, diese Außenwelt zu erforschen. “Ein Schlüssel passt, wenn er das Schloss aufsperrt. Das Passen beschreibt die Fähigkeit des Schlüssels, nicht aber das Schloss” (2). Alle Konstruktionen von Wissen werden so lange akzeptiert, so lange sie zu unseren Erlebnissen passen, Regelmäßigkeiten aufzeigen und sogar Vorhersagen machen lassen. Sobald sie nicht mehr passen, werden sie als “Aberglaube entwertet” (2). Wenn bestehende Erkenntnisse bis heute passen, bedeutet dies nur, dass sie unter den bisherigen Umständen passen, aber sie geben keine objektive Außenwelt wieder oder sind die einzige oder richtige Wissenskonstruktion in diesem Bereich. “Es sagt uns nicht – und kann uns nichts darüber sagen – wieviele andere Wege es da geben mag und wie das Erlebnis, das wir als Ziel betrachten, mit einer Welt jenseits unserer Erfahrung zusammenhängt” (2). Schließlich ist es nicht nur in der Wissenschaft schon das ein oder andere Mal passiert, dass eine lang geglaubte Hypothese sich als doch nicht passend erwiesen hat. Zudem ist erwiesen, dass es noch mehr Möglichkeiten der Sinneswahrnehmung gibt, als die, über die der Mensch verfügt. Somit ist wahrscheinlich, dass uns Menschen ohnehin vieles entgeht, was man sonst noch wahrnehmen könnte.
Es fällt oft schwer, von alten, einfachen Denkmustern Abstand zu nehmen und sich auf konstruktivistische Denkformen einzulassen. Viele stellen sich die Frage, wie es trotzdem sein kann, dass uns unsere Wahrnehmung immer so passend und strukturiert vorkommt? Glasersfeld zeigt dazu auf, dass sich die Frage eigentlich erübrigt, denn “wenn […] die Welt, die wir erleben und erkennen, notwendigerweise von uns selber konstruiert wird, dann ist es kaum erstaunlich, dass sie uns relativ stabil erscheint” (2).

Ein beispielhaftes Bild für unsere Wahrnehmung, hier zitiert nach Watzlawick (3) , wird immer wieder im Zusammenhang mit dem radikalen Konstruktivismus aufgezeigt:
“Ein Kapitän, der in dunkler, stürmischer Nacht eine Meeresenge durchsteuern muss, deren Beschaffenheit er nicht kennt, für die keine Seekarte besteht und der keine Leuchtfeuer oder andere Navigationshilfen besitzt, wird entweder scheitern oder jenseits der Meeresenge wohlbehalten das sichere, offene Meer wiedergewinnen. Rennt er auf die Klippen auf und verliert Schiff und Leben, so beweist sein Scheitern, dass der von ihm gewählte Kurs nicht der richtige Kurs durch die Enge war. Er hat sozusagen erfahren, wie die Durchfahrt nicht ist. Kommt er dagegen heil durch die Enge, so beweist dies nur, dass sein Kurs im buchstäblichen Sinne nirgends anstieß. Darüber hinaus aber lehrt ihn sein Erfolg nichts über die wahre Beschaffenheit der Meeresengen; nichts darüber, wie sicher oder wie nahe an der Katastrophe er in jedem Augenblicke war: er passierte die Enge wie ein Blinder.”
Der erfolgreiche Kurs des Kapitäns passt also zwar zu der ihm unbekannten Umgebung, doch dies heißt nicht, dass er der Richtige oder Beste ist, zudem gibt er keine Auskunft über eine wahre Umwelt. Es bleibt also jederzeit offen, ob es nicht andere Kurse gibt, die ebenfalls passen und vielleicht sogar eine geeignetere Option wären. Von einer uns umgebenden Wirklichkeit können wir (nach Glasersfeld und Watzlawick) immer dann einen Hauch spüren, wenn wir mit unserem Ordnungssystem anstoßen und nicht mehr weiter kommen, also dort wo wir damit scheitern. Es könnte sich also lohnen, gewohnte Wege hin und wieder zu verlassen, verrückte Dinge auszuprobieren oder Grenzen zu überschreiten – letztendlich kann dadurch eine Horizonterweiterung stattfinden und Gewohnheiten können überprüft und erneuert werden.

Zwar gibt mir diese Philosophie keine Antwort auf die Frage, wie die Wirklichkeit um uns herum aussieht, doch sie ist eine wunderbare Reflektionshilfe in Bezug auf die Art und Weise wie ich Dinge wahrnehme und auf sie reagiere. Und sie eröffnet mir einen großen Möglichkeitsraum für Momente des Scheiterns und der Unzufriedenheit – anstatt zu verzweifeln und aufzugeben, inspiriert sie mich neue Wege auszuprobieren und mein übliches Verhalten zu ändern. Glasersfeld und Watzlawik sind übrigens zwei inspirierende Philosophen, deren Texte mich immer wieder den Kopf stoßen und einfach nur Spaß machen!

(1) Nassehi, A. (2008): Die Zeit der Gesellschaft:   Auf dem  Weg  zu einer soziologischen Theorie  der  Zeit.   
(2) und (3) Watzlawick, P. (Hrsg.) (1985):  Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? Beiträge zum Konstruktivismus. 

[english]

How do I put my perception together? This question has occupied me for many years. I like to observe people and I sometimes notice that a shared situation of 3 people can be perceived completely differently. How can that be? (Radical) constructivist philosophy is concerned with the processes and consequences of human knowledge, assuming that man does not portray the external world passively and objectively in the head, but constructs it, which is then an active output – better described as “his or her outside world “.

I summarized Ernst von Glasersfeld’s “Introduction to Radical Constructivism” (published in “The Invented Reality” by Paul Watzlawick) some time ago:

In this essay, Glasersfeld focuses on the possibilities of man’s perception in the field of constructivism. Human perception and knowledge usually happens without notice and automatically, it can even be quite difficult to pay attention to what is happening. In the end, we do not know exactly what is innate, what is trained and what is constructed by myself? According to Glasersfeld, it is the goal of radical constructivism to continue to uncover human cognitive functions, hoping to make it different and perhaps better with the help of the “awareness of the operation”. “Radical” is this constructivism because it doubts the knowledge of the objective reality of a human being, and therefore describes our entire knowledge of the world as “adaptation in the functional sense”. That is, subjectively constructed knowledge with which one can relate to the world and thus can function in it. The still widespread image of perception as an image of the outside world in the head, Glasersfeld represents a metaphor: One can imagine the outside world in its sense as a “lock” of which one has no idea, but with different keys or burglary methods we can try to open it. “A key fits when it locks the lock. The fitting describes the ability of the key, but not the lock”. All constructions of knowledge are accepted as long as they fit into our experiences, show regularities and even make predictions. As soon as they no longer fit, they are “devalued”. If existing insights still fit today, it means that they fit under the circumstances so far, but they do not reflect an objective outside world or are the only or the right knowledge construction in this area. “It does not tell us – and can not tell us – how many other paths there may be, and how the experience, that we see as the goal, is connected with a world beyond our experience.” After all, it is not just in science where it has happened that a hypothesis, which has long been believed, has not proved to be appropriate. Moreover, it has been shown that there are still more possibilities of perception of the senses than those which man possesses. Thus, it is likely that people are missing much of what one might otherwise experience.
It is often difficult to keep away from old, simple patterns of thought and to engage in constructivist thought forms. Many ask themselves the question, how can it be that our perception always appears to us so appropriate and structured? Glasersfeld points out that the question is actually superfluous because “if the world we experience and recognize is necessarily constructed by ourselves, it is hardly surprising that it appears relatively stable”.

An exemplary picture of our perception, quoted here according to Watzlawick, is repeatedly pointed out in the context of radical constructivism:
“A captain who, in a dark, stormy night, must sail through a sea scape, the nature of which he does not know, for which no sea chart exists, and which does not have any beacon or other navigation aids. He will either fail or recover safely and make it to the open sea. If he runs up on the cliffs and loses his ship and life, his failure proves that the course chosen by him was not the right course through the narrowness. He has learned how the passage is not. If he makes it through the scape, this proves only that his course was good. But his success does not teach him anything about the true nature of the sea scape, nothing about how certain or how close to the catastrophe he was at any moment, he still passed the narrow as a blind man.”
The captain’s successful course thus fits into the unknown environment, but this does not mean that it is the right or the best, nor does it provide any information about a true environment. So it remains open at all times, if there might be other courses that fit, and perhaps there might be even more appropriate options. From a reality that surrounds us, we can always feel a touch (after Glasersfeld and Watzlawick), when we border on with our system of order and do not get further, so where we fail with it. It might therefore be worthwhile to leave the usual ways, to try out crazy things or to cross boundaries – ultimately a horizon extension can take place and habits can be checked and renewed.

Although this philosophy does not give me an answer to the question of how the reality around us looks, it is a wonderful reflection aid of the way I perceive and react to the things around me. And it gives me a great opportunity for moments of failure and dissatisfaction – instead of despairing and giving up, it inspires me to try new ways and change my usual behavior. Glasersfeld and Watzlawik, by the way, are two inspiring philosophers, whose texts keep banging my head and are just fun!

(1) Nassehi, A. (2008): The Age of Society: Towards a Sociological Theory of Time. (only german available)
(2) and (3) Watzlawick, P. (Hrsg.) (1985): The Invented Reality. How do we know what we believe we know? Contributions to constructivism.

Anyone else who doesn’t find this topic boring?! 😉

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